1914
1915
1916
~1917...


Introduction
In the Austrian
army
Serbian
captivity
Italian
captivity
French
captivity
original

Úvod
V rakouské
armádì
Srbské
zajetí
Italské
zajetí
Francouzské
zajetí


Einleitung
In österreichischer
Gefangenschaft
paralell


1914

1915

1916

~1917...





Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg 1914 bis 1918.
Von Josef Šrámek aus Aussig an der Elbe

Italienische Gefangenschaft
1916
Dezember den 29. (1915)

Mir kam es vor, als wäre ich in einer neuen Welt. Als ich gestern die Fähre verlassen habe, hatte ich den Eindruck aus einer Wildnis herauszutreten. Alles schien anders zu sein, schöner, die italienischen Soladaten sind freundlich, wir verstehen zwar kein Wort, aber eines kapieren wir bald: "Mandžári" (Essen). Ich werfe schnell die Hader von meinen Schuhen ab, die ich angebunden habe, um meine Schuhe vor den forschenden Blicken der Serben zu verstecken. Abends sind wir in das italienische Lager gekommen, wo wir Reissuppe mit Fleisch aus Konserven und Zwieback bekommen haben. Ach, wie mir die paar Löffel der warmen, gesalzenen und geschmalzenen Suppe geschmeckt haben, ich habe doch mehr als 20 Tage keine gesalzene Suppe gegessen! Wir haben auf einem Hügel geschlafen und nachts war Frost. Wir sind schon um 5 Uhr aufgebrochen, um nicht zu erfrieren, weil wir keine Feuer anzünden durften. Wir gehen nach Valona und schon mittags sehen wir die herrliche dortige Bucht vor uns.

Dezember den 30.

Der Hafen ist herrlich, es liegen hier etwa 7 große Schiffe zu Anker. Vor dem Hafen warten aber mehr als 4 Tausend Gefangene, drängen sich nach vorn, fallen um, treten übereinander, fallen ins Meer. Die Italiener amüsieren sich dadurch, dass sie Zwiebackstücke unter die Menge werfen und zuschauen, wie die Gefangenen darum raufen wie die Hunde um den Knochen.
Endlich um 10 Uhr abends konnte ich mich in ein Motorboot durchdrängen, das uns zu dem großen Handelsschiff "Armenia" aus Marseille gebracht hat. Es ist ein Schiff für Viehtransporte, noch sind Krippen hier. Ich schlafe im Unterdeck.

Dezember den 31.

Zum Frühstück gab es eine Tasse Kaffee und Zwieback. Wie mir der Kaffee geschmeckt hat, schön süß, lange habe ich keinen getrunken. Zum Mittagessen gab es Reis mit Fleisch und ein wenig Wein.
Die Italiener sind freundlich, aber mit unseren Leuten erreicht man in Güte nichts, die hören nur auf eine Karbatsche.
Um 4 Uhr wird der Anker gehoben und wir brechen auf. Ich habe Seekrankheit und schlafe die ganze Nacht nicht.

1916
Jänner den 1.

Gleich morgen früh wurden wir aufs Deck gejagt , ausgezogen, gebadet und in italienische Munduren gekleidet. Unten hat man inzwischen Ordnung gemacht, alle unsere Sachen ins Meer geworfen, die Räume desinfiziert. Alles, was die Leute durch ganz Serbien mitgeschleppt haben und von dem sie sich nicht einmal in Albanien getrennt haben, verschwand im Meer, Mäntel, Schuhe, Decken. Mein Tagebuch konnte ich retten, obzwar es schon beiseite geworfen war. Aber noch etwas flog ins Meer, unsere etwa 20 Toten.
Unser Schiff gefolgt von zwei weiteren, Sinai und Dante, folgt dauernd der Küste.

Gestern hat eben das unglückliche Jahr 1915 sein Ende genommen, das Jahr, in das ich so viele Hoffnungen gelegt habe und das uns alle so enttäuscht hat. Jeder von uns hat geglaubt, dass es uns die Befreiung bringen wird, aber in Wirklichkeit war es das Jahr der größten Plagen und Strapazen. Die letzten 3 Monate waren die schlimmsten, über 4000 Leute kamen um, und die übrig blieben, sehen aus wie Skelette. Heute, losgeworden von den Hadern und wieder einmal in reiner Wäsche, schauen wir mit neuen Hoffnungen dem neuen Jahr entgegen. Bringt es mir, worauf ich mich am meisten sehne - Frieden, Befreiung und Freiheit ?

Im Bösen und Guten, die Erinnerung an die Heimat gab mir immer Kraft und Geduld. Und so, meine Lieben, weit entfernt irgendwo bei den Ufern von Nordafrika, wünsche ich Euch und auch mir, viel Glück und Gesundheit in diesem neuen Jahr ! Möchte Gott meinen einzigen Wunsch erfüllen - dass wir uns gesund wiedersehen und in Gesundheit auch weiter bleiben.

Ich wünschte mir, heute wieder frei und zu Hause zu sein, so wie es vor zwei Jahren war.

Jänner den 2.

Die Nacht war kalt und wir haben weder Mäntel noch Decken, aber auch keine Läuse. Mit dem Essen ist es schwach, pro 10 Leute eine Schale Suppe, in der ein wenig Makkaronen und ein paar Stück Fleisch schwimmen. Und das soll unter zehn Leute geteilt werden, die ausgehungert wie Wölfe sind.
Viele Leute sterben vor Hunger und Seekrankheit. Sie werden einfach ins Meer geworfen und die Sache ist erledigt. Den Namen festzustellen, daran denkt niemand.

Jänner den 3.

Wir fahren immer weiter und haben großen Hunger. Zum Abendessen gab es gestern nichts und mittags 3 Löffel Makkaronen. Irgendwie sonderbar fängt das neue Jahr an. Der Schiffsarzt hat angeordnet, dass wir nicht viel essen dürfen, weil wir schwach sind und wir sind schwach da wir Hunger wie Wölfe haben!

Jänner den 4.

Heute sind wir bei einer Insel gelandet. Etwa 8 große Schiffe liegen hier zu Anker. Hunger haben wir, bis es weh tut! Essen gibt es Tag für Tag weniger. Heute haben wir wieder viele Tote ins Meer geworfen, man denkt, dass das Sterben gestoppt wird, wenn wir weniger zu Essen bekommen. Das Mittagessen war wieder sehr schwach. Immer bekommen wir statt Brot nur Zwieback. Wie freue ich mich auf das erste Stück Brot, Hunger habe ich, wie ich in Albanien nur selten hatte. Mittags 5 Löffel Suppe, abends Kaffee. Wir sind schon ganz verzweifelt, liegen im Unterdeck, unter uns viele Kranke.

Jänner den 5.

Mittags hat man angefangen uns auf die Insel, deren Name Asinara ist und wo wir in Quarantäne bleiben sollen, auszusetzen. Es ist eine kleine, öde Insel, lauter Fels und Gebüsch und Tausende Gefangene lagern hier. Wir bekamen jeder eine Fleischkonserve und Zwieback, ich koche Suppe aus Meereswasser. Ich treffe den Šalomoun und Hruška an und schlafe mit ihnen in einem Zelt. Auch Roubík, Èerný und andere sind hier.

Jänner den 6.

Der Tag ist herrlich und warm. Schlimm ist aber, dass man kein Wasser auftreiben kann. Wir müssen weit in die Felsen gehen, ein Loch ausgraben, warten bis das Wasser einzieht und dann es auslöffeln. Es ist dreckig, voller Schlamm, aber was kann man machen, der Durst ist groß! Wir bekommen täglich eine Fleischkonserve und 3 Stück Zwieback. Ich ließ mich bei zwei Gruppen einschreiben und bekomme deshalb das Doppelte, so kommt es mir vor, als wäre ein großer Feiertag weil ich wieder einmal satt bin.

Jänner den 7.

Eine Krankheit verbreitet sich unter uns. Es ist die Folge des schlechten Wassers, die Konserven sind salzig und die Leute trinken das dreckige Wasser oder das Meereswasser. Man bekommt Magenschmerzen, Durchfall, wird schwach und am nächsten Tag ist man tot. Es sind die Folgen der Anstrengungen und Strapazen in Albanien. Leute, die bis hierher gekommen sind, unterliegen nun. Wir schlafen in Zelten ohne Decken und die Nächte sind kalt. Wir zünden Feuer an, Holz gibt es genug. Trotzdem starben nur in unserem Lager über Nacht an 140 Leute. Es ist ein schrecklicher Anblick auf die abgemagerten Gestalten.

Jänner den 9.

Täglich dieselbe Kost. Heute tobt ein starker Wind und reißt uns die Zelte nieder. Ich habe einen Mantel bekommen. Die Krankheit wurde erkannt, es ist die asiatische Cholera, eingeschleppt von Albanien. Leute, die abends gesund einschlafen, sind morgen starr. Wir schlafen zu fünft in einem Zelt gepresst, und die Krankheit verbreitet sich enorm schnell. Hinter jedem Gebüsch kann man einen zitternden Armen sehen, der einen riesigen Durst hatte, sich zum Meer schleppte um zu trinken und in wenigen Augenblicken tot ist. Um Trinkwasser ist hier große Not, einige schwache Quellen in den Felsen werden den ganzen Tag über durch große Menschenmengen belagert. Bis dorthin gelangen die Kranken, trinken das tödliche Wasser und kriechen in ein Gebüsch, wo sie unerkannt sterben.
Unsere felsige Insel ist nicht groß und liegt in der Nähe von Sardinien. Vor Jahren lebten hier türkische Gefangene, die breite steinerne Mauern bauten. Unser Lager liegt in der Mitte der Insel, an einem Ende ist das Lager "Real", das unsrige heißt "Streti" und hinter uns liegt noch "Tamborina".

Jänner den 11.

Täglich gibt es mehr Kranke und auch mehr Tote. Jeden Morgen findet eine ärztliche Untersuchung statt. Jeder muss die Hosen herunterziehen und das Hemd zeigen. Die Leute verbergen die Krankheit, weil sie sonst augenblicklich separiert werden. Es sind hier unsrige Ärzte, aber Medikamente haben sie keine. Uns wird dauernd versprochen, dass Menage gekocht wird, aber wir werden dauernd mit Konserven gefüttert. Heute haben wir zur großen Überraschung statt Zwieback einen kleinen Laib Brot bekommen. Wie es mir geschmeckt hat!

Jänner den 13.

Der Feldwebel Šalomon wurde zum Kommandanten des neu errichteten Lazaretts ernannt. Ich ziehe mit ihm um und mache den Koch. Wir kochen Kaffee, aber das Wasser ist schwer aufzutreiben, ich hole es um Mitternacht. Die Kroaten handeln mit dem Wasser. Sie gehen zwischen den Kranken und tauschen Wasser für Zwiebäcke um, bestehlen dabei auch die Leute. Wir halten Nachtwachen, haben 30 Konserven für die Kranken bekommen, nachts hat der Wind das Zelt umgeschlagen und jemand hat die Konserven gestohlen.
Ich habe jetzt gute Zeiten, Kaffee genug und Brot auch. Aber die Krankheit verbreitet sich immer mehr und die Zahl der Toten wächst von Tag zu Tag.

Jänner den 16.

Heute kochen wir das erste Mal warmes Gericht: Reis mit Fleisch und abends Reissuppe. Das gefrorene Fleisch kommt aus Argentinien. Šalomon bereitet Kaffeeabende - täglich wächst die Zahl der Abonnenten. Auch bei den Zügen wird gekocht - jeder Zug für sich selbst. Das Lager ist in Gruppen unterteilt, jede trägt den Namen des Schiffes, mit dem sie angekommen sind: Sinai, Armenia, Dante, Regina, Elan u.s.w. Jede Gruppe ist unterteilt in Züge zu je 50 Mann. Die Mannschaft ist entsprechend der Nationalität gegliedert.

Jänner den 18.

Die Cholera greift schrecklich um sich, die Zahl der Toten erreicht den Gipfel - heute waren es 1800. Man trägt sie auf Haufen, begräbt sie in Massengräbern und niemand kümmert sich, wie sie heißen. Im Nachbarlager starb Franz Šaroch, ein Nachbar aus meinem Geburtsort Vraný, er wurde mit den Kranken transportiert und am dritten Tag ist er gestorben. Von meinem Bruder Anton kann ich nichts erfahren.

Jänner den 20.

Die Italiener bringen das Wasser mit Schiffen, täglich gibt es Fleisch mit Reis oder mit Makaronen.
Die Cholera scheint ein wenig nachzulassen. Heute traf ich Karl Reichel.an, er erzählte mir, dass Kulma hier gestorben ist.

Jänner den 22.

Was die Leute am meißten quält, dass nichts zum Rauchen aufzutreiben ist. Man raucht trockenes Laub, Gras und allerhand ähnliches. Für eine Zigarette gibt man 1 serbischen Dinar. Übrigens die serbische Währung ist erheblich gesunken, Ferdinandi verkaufte die100-Dinar-Banknote für 15 Lire.
Die Sterblichkeit sinkt langsam, doch ist es gelungen die Krankheit zu stoppen. Beigetragen hat der Wechsel der Ernährung und die Zufuhr von einwandfreiem Trinkwasser. Wie viele Leben konnten gerettet werden! Man setzte uns auf eine öde Insel aus, Wasser gab es nicht und zum Essen bekamen wir Konserven, nach denen alle durstig waren. Alle waren wir geschwächt und viele haben die Konserve ungekocht und auf einmal gegessen - über Nacht waren sie tot.

Eingeklebt ist ein Zeitungsartikel aus "Samostatnost" (Selbständigkeit) vom 15. II.1918, von Brokl Otto:

"Das Schicksal führte uns nach Italien. Dort erwartete uns die Cholera-Insel Asinara. Auf dieser öden und verseuchten Insel dezimierte die Cholera unsere Reihen abermals unbarmherzig. Und wenn man endlich die tschechischen Übriggebliebenen zählen konnte, wurde uns bange: Von den stolzen 33 Tausend Tschechen in Serbien sind nach einem Jahr nur dreieinhalb Tausend übriggeblieben ".

Jänner den 28.

Wir sind in ein anderes Krankenhaus übersiedelt. Auch hier bin ich in der Küche zusammen mit 13 anderen Ungarn, Rumänen, Dalmatinern. Oberkoch ist hier ein Ungar, der etwa 7 Sprachen spricht. Gestohlen wird hier schrecklich. In der Nacht werden hier große Schmäuse abgehalten während die Mannschaft hungert. Solches Handeln ekelt mich an. Den ganzen Zucker und Speck essen sie allein und die Mannschaft bekommt ungefettete Makaronen und bitteren Kaffee.

Jänner den 30.

Unser Gehalt beträgt 20 Centisime pro Tag. Ich sollte L 4,20 bekommen, aber löste es in Waren um: ein Stück Salami, 2 Orangen, ein wenig Wein. Zu tun habe ich immer genug.

Jänner den 31.

Heute fühle ich mich ein wenig krank, das Wetter hat sich verschlechtert. Die Italiener lassen niemanden in das Lager der Gesunden durch, bevor sie eine Untersuchung durchführen. Jeder muß ein Stück des Exkrements in einen Glaskolben abgeben und die Ärzte prüfen es dann auf Cholera- und Dysenteriebazillen. Die Dysenterie wütet immer noch, der heimgesuchte Mensch wird so schwach, dass er nicht mehr gehen kann. Ich sah Menschen, die sich an die Latrine angebunden haben, um nicht vor Schwäche umzufallen!
Feber den 5.

Wir haben italienische Postkarten bekommen und schreiben nach Hause, das letzte Mal schrieb ich am 1. Oktober 1915.

Feber den 10.

Das ganze Lager "Jonio " ging zu den Gesunden und mit ihm auch unser Oberkoch. Es ist nicht schade um diesen Schurken. Die Italiener bauen große Zelte für die Kranken auf. Das Wetter hat sich verschlechtert, es toben starke Winde und Regenfälle. Auf Sardinien liegt Schnee. Ich muß in der Küche viel ausstehen, sie befindet sich im Freien und ich muß mich den ganzen Tag im Regen, Wind und Rauch bewegen. Das ist keine Kleinigkeit.

Feber den 18.

Morgen soll der spanische Konsul zur Visite kommen, alles wird gereinigt. Heute war ich im Lager der Gesunden. War überrascht, wie alles schön zugerichtet ist. Die Zelte genau ausgerichet und bei jedem kleiner Garten, die Wege mit Sand ausgestreut. An der Seite Nummern und Gruppenbezeichnung. Auf größeren Plätzen sehr schöne Denkmäler und verschiedene Gruppen, alles aus Beton und mit Muscheln oder farbigen Steinen geziert.

Feber den 20.

Unser Krankenhaus wird in 3 Abteilungen aufgeteilt: "Verdächtige", "Bazillenträger" und "Cholera". Heute ist einer in "Cholera" gestorben.

Feber den 23.

Wasser ist dauernd Notware, es wird in kleinen Fäßern auf Maultieren hergebracht.
Der Arzt Dr. Atzelt macht uns den ganzen Tag Militärregime, den Rohrstock dauernd in der Hand, straft er abwechselnd die Kranken und die Pfleger. Heute kam das Schiff "Foseton" aus Draè mit 120 Österreichern und 30 Bulgaren an, meistens sind es Kranke und Abgefrorene, sie haben mit sich reiche Vorräte von Konserven, Zucker, Mehl, Reis und weiterem. Alles von der amerikanischen Mission in Draè.

Feber den 28.

Das serbische Geld wird vom Kommando ausgewechselt und zwar für 10 Dinar (Papiergeld) bekommt man 6,50 Lire und für Münzen 7,50 Lire. Ich schreibe jedeWoche nach Hause, manchmal auch nach Aussig. Unser Oberkoch wurde beschuldigt, dass er mit Zucker Geschäfte machte, Dr. Atzelt kam, schlug ihn mit dem Rohrstab und wechselte uns für 5 Menschen aus der Wäscherei aus.

März den 6.

Ich bin bei der Gruppe "Foseton" aber nicht für lange Zeit. Meldete mich zur "Sinai", weil ich dort alle meine Bekannten habe.

März den 10.

Nach erledigter Untersuchung in die Glaskolben ziehen wir in das Lager der Gesunden um und ich gehe zu "Sinai", in das Zelt zum Feldwebel Roubik.

März den 12.

Wir haben nichts zu tun, der Tag ist lang, es wird stark politisiert. Täglich kommen neue Nachrichten, niemand weiß aber, woher. Wir nennen sie einfach "Latrinen", aber dennoch hören wir ihnen gern zu. Da wir schon mehr als 6 Monate ohne Nachrichten von Zuhause sind und weil wir uns mit den Italienern nicht unterhalten können, kombinieren wir und kolportieren diese "Latrinen-Befehle" !

Jemand aus "Real" brachte die Nachricht, dass der Kaiser Franz Josef I. Italien aufgefordert hat, uns sofort einem neutralen Land, Schweiz oder Amerika, auszuliefern, weil Österreich für uns nichts zahlen wird. Ein anderer hörte wieder bei den Freiwilligen, dass wir nach Italien gebracht werden sollen, um dort in Fabriken als Zivilisten zu arbeiten.

Jeden Tag kommt eine neue Nachicht und jede soll total verbürgt sein !

März den 15.

Jede Woche schreiben wir heim, aber auf die Antwort warten wir vergeblich. Nur einige Glückliche bekamen Geld telegrafisch hergewiesen. Mit Wäsche, Munduren und Schuhen sind wir gut versorgt. Jeder hat 2 gute Decken, eine Pelerine, zweierlei Wäsche. Essen könnte ein bischen mehr sein, vor allem Brot und was den Burschen am meisten fehlt ist Geld für Tabak und Zigaretten.

März den 17.

Wir haben hier auch etwas außerordentliches - tägliche Märkte. Und warum auf einer öden Insel? Man bekommt hier, auf dem Piazza Vittorio Emanuelle, alles mögliche. Portion Fleisch für 10 ct., Käse für 10, Zwieback für 20, Brot für 30, auch Kaffee, Reis, Makaronen, eben alles Mögliche. Die Verkäufer, meistens Serben und Kroaten, verzichten lieber und hungern, nur wenn sie sich Tabak kaufen können. Es ist ein seltsamer Blick auf dieses Handelstreiben.
Wir tragen Steine zusammen zur Umzäunung des Friedhofs. Eintausendvierhundert Gefährten, die alle Strapazen in Albanien überstanden haben und dachten, dass sie gerettet sind, ruhen dort.

März den 19.

Mein Namenstag, ziemlich traurig, ohne Heller in der Tasche und doch lustiger als vor einem Jahr in Djevdelia in Serbien. Ich habe mir 3 Portionen Käse und 1 Brot gekauft.
Die Italiener haben große Sorgen, es fehlen ihnen etwa 600 Leute und sie wissen nicht, wo sie sind. Langsam wird es, wie in Serbien. Sie machen neue Verzeichnisse und wir stellen fest, dass es auf einmal so viele Chargen gibt. Leute, die in Serbien ohne Sternchen waren, sind heute Korporale und Zugführer und ehemalige Korporale sind heute Felaken. Wir nennen sie "albanische Chargen".

März den 21.

Unsere Zugführer sind gekennzeichnet - sie haben an der Mütze ein rotes Bändchen, aber man erkennt sie an den vollen Bäuchen, sie haben Extraverpflegung und 20 cts. pro Tag. Wer ein bischen italienisch sprechen kann, hat hier goldene Zeiten. Bei unserer "Sinai" ist auch ein serbischer Aufseher, der unterwegs in Albanien einige Gefangene totgechlagen hatte. Er verlässt den ganzen Tag das Zelt nicht, um nicht geprügelt zu werden.

März den 24.

Wir werden gegen Cholera geimpft, jetzt wo drei viertel von uns hinter der Friedhofsmauer liegen. Tagsüber fängt es an heiß zu werden.

März den 26.

Die Italiener bauen eine Barracke nach der anderen, wir tragen Ziegel, Steine, Bretter. Einige von uns bekommen Geldscheine von zu Hause, vor allem die Juden. Heute haben wir hier einen Besuch gehabt, 3 hübsche Frauen, das ganze Lager war auf den Füßen, es sind doch fast fünf Monate, seitdem wir kein Frauenzimmer gesehen haben (abgesehen von verhüllten Türkinnen und hässlichen Albanerinnen).

März den 28.

Das Schiff Sinai nahm in Serbien 1570 Leute an Bord - 200 davon starben am Bord, 254 starben auf der Insel Asinara und 291 sind verschollen, d.h. gestorben und begraben ohne Identifikation, das sind zusammen 754, d.h. die Hälfte.

März den 30.

Heute kam das Mehl für die vollendete Bäckerei an, die aber schon einmal niedergefallen ist, dank der Baukunst der Italiener. Die Post kommt nur selten an, es kommen nur ein paar deutsche Postkarten. Ich bin sehr unglücklich, schon vier Juden in Sinai bekamen Geld von Zuhause, auch die Post bekommen sie, selbstverständlich die deutsche.
Wir haben noch eine Garnitur Wäsche und Gürtel, Nadeln und Kämme bekommen.

April den 2.

Heute hat mich mein Kollege Vlèek besucht, er befindet sich im Nachbarlager und hat bereits Geld von Zuhause bekommen, 36 L. Das Wiedersehen mit ihm hat mich sehr erfreut, wir flogen in Gedanken in die schönen Zeiten in Aussig zurück. Er gab mir 2 L und ein Stück Käse, ein braver Junge.

April den 4.

Heute haben wir Dienst im Lager gehabt und alles ganz und gar verloren. Ein Mann und der Korporal sitzen im Loch. Im Strafen sind die Italiener großzügig, sie sperren dich für 10 bis 15 Tage ohne Brot ein. Unser Herr Leutnant sammelte serbische Banknoten, fuhr damit nach Rom und als er zurückgekommen ist, sagte er, dass sie nichts gelten. Aber in den anderen Lagern setzt er fort, sie auszukaufen, ein braver Offizier!

April den 5.

Heute wird in der Bäckerei das erste Mal gebacken. Unser Koch ist dorthin gegangen und ich sollte in die Küche gehen, aber ich bedankte mich. Wir werden das zweite Mal geimpft. Ich erwarte sehnsüchtig einen Brief von Zuhause, aber vergeblich, die Post kommt nur selten. Dafür tauchen immer neue Gerüchte vom Frieden auf. Wir sollen angeblich 15 cts. pro Tag bekommen.

April den 7.

Unsere Kost ist immer diegleiche - mittags Reis oder Makkaronen, abends Suppe und ein Stück Fleisch. Niemals Kartoffeln oder Gemüse. Diese Kost ekelt mich schon - Reis ist zerkocht und sieht aus wie Klebstoff, ist ungefettet , Makkaronen dasselbe. Kaffee ist heißes dreckiges Wasser. Der Vejvoda aus unserem Zug und Ryba aus meinem Zelt haben Geld von Zuhause bekommen,
Die hiesigen Priester bereiten ein geheimes Verzeichnis für Österreich. Für die Lehrer bereiten sie eine besondere Grupe vor, so ähnlich wie für die einjährigen Freiwilligen.

April den 9.

Es wurde angeordnet, dass alle kahl geschert werden müssen, damit die letzten Läuse verschwinden, die sich noch hie und da (hauptsächlich unter den Kroaten) gehalten haben.
Die Post kommt täglich an, aber ich habe schon 7 Monate keine Nachricht von zu Hause. Wie sehnsüchtig erwarte ich eine Zeile!

April den 12.

Unser täglicher Lohn wird 15 Cts. betragen, die Korporale und Zugfüher werden 30 Cts. haben, die Feldwebel 50 Cts. Die italienischen Gefangenen haben in Österreich dasselbe.
Heute war ich in Real und sprach mit Emanuel Rùžièka. Sie haben dort ein schönes Denkmal "Zum Gedächtnis des Leidens der österreichischen Gefangenen in Albanien", von einem Gefangenem errichtet. Es stellt einen Menschen dar, der zum Sonnenaufgang blickt, und das Leiden darstellen soll. Die Skulptur macht großen Eindruck auf jeden Zuschauer.

Mein ehemaliger Nachbar aus Vraný, Vích, erzählte mir, dass der Nachbar Franz Šaroch einige Tage nach der Landung in Fornelia gestorben ist. Ich ging dorthin, um etwas Genaueres zu efahren - aber umsonst, auch dort hat man begraben, ohne den Namen festzustellen.
Erst später in Frankreich habe ich vom Kolegen Sís erfahren, dass er nach 4 Stunden gestorben ist. Vom Bruder Anton kann ich nichts erfahren.

Man sollte uns Löhne auszahlen, aber es wird von Tag zu Tag verschoben. Einmal sind die Verzeichnisse nicht fertig, das andere mal hat man kein Kleingeld. Auf die Bezugscheine zur Auszahlung muss man bis 8 Tage warten. Auch kam der Befehl, dass jede Charge durch Unterschrift ihren Rang bezeugen muss. Da kam es zu großer Degradierung - die Sternchen fallen wie im Gewitterregen.

April den 22.

Heute ist Karfreitag, wir fasten aber nicht. Ich glaube aber, dass wir keine Sünde haben werden, wir fasten doch ununterbrochen. Roubik bekam eine deutsche Postkarte, ich immer noch
nichts.

Wir stellten einen kleinen Tisch und eine Bank vor dem Zelt auf. Täglich wird die Hitze größer. Das Osterfest verbringe ich in trübseliger Stimmung, was für ein Unterschied, diesmal und vor zwei Jahren! Wir haben eine Messe in unserer Kapelle gehalten, die Lehrer haben gesungen,der kroatische Pfarrer predigte von einem dornigen Weg, der in den Himmel führt. Gefastet haben wir genug, sind einen langen dornbewachsenen Weg gegangen, das hier ist aber keineswegs ein Himmel! Wahrscheinlich haben wir eine falsche Richtung genommen!

April den 24.

Heute habe ich den ersten Brief von den Frauen Kohn und Kornfeld, meinen Chefinen, bei denen ich angestellt war, bekommen. Sie haben mir 40 Kronen geschickt und schreiben, was es neues im Geschäft gibt. Sie haben auch meinen Eltern geschrieben. Habe große Freude, ist es doch die erste Nachricht nach 9 Monaten. Hier werden Handwerker und landwirtschaftliche Arbeiter für die Arbeit in Frankreich gesucht.

April den 26.

Die erste Postkarte von zu Hause, abgeschickt am 26.3. Bin glücklich, dass alle gesund sind. Bruder Karl wurde an der russischen Front verwundet und ist jetzt zu Hause im Urlaub.

April den 28.

Täglich bekommen wir ein ganzes Brot, so dass wir uns endlich satt essen können. Eine zweite Karte von der Heimat, von der Nachbarin Anna Šarochová, sie fragt, ob ich etwas von ihrem Mann Franz weiß.
Hier spricht man immer häufiger von einer baldigen Abfahrt nach Frankreich. Die Italiener wollen uns von den letzten Läusen säubern, es wird eine große Desinfektion durchgeführt, ein Lager nach dem anderen geht nach Real baden und die Wäsche, Munduren und Decken werden mit Dampf behandelt.
Es kamen 80 Pakete an, Ryba hat auch eins bekommen. Das Zelt duftet nach Virginia und Zigaretten. Wir kochen Tee und Schokolade.

Mai den 1.

Zwei Postkarten, eine von meiner Schwester Maria. Heute ist ein wunderschöner Tag, wir baden im Meer. Die ausgesuchten Handwerker werden in eine besondere Abteilung überführt, sie sollen nach Tunesien oder Algerien gehen. Mit uns übrigen werden ärztliche Untersuchungen gemacht, die Gläser, die die Ärzte dann untersuchen sollen, werden aber unter Kontrolle gefüllt, weil hier wieder geschwindelt wurde - einer hat es gewöhnlich für zehn Kameraden "besorgt".
Abends hat man uns die Schuhe abgenommen, und sie den Ausgewählten übergeben, damit sie auf den Weg vorbereitet sind. Jeder hat doppelt die Wäsche und Schuhe, einmal Handtuch, Eßschale, Trinkbecher und Feldflasche.

Mai den 3.

Die Löhnung wird jede 15 Tage ausgezahlt, aber es herrscht große Not um Kleingeld. Die Italiener senden lauter Fünf- und Zehnlirenbanknoten und hier kann man sie nirgends wechseln, wenn man nicht 30 Cst. zahlen will. Ansonsten wird hier kräftig "gehandelt", z.B. jemand kauft
1 kg Speck, macht daraus Stücke zu je 20 Cts, geht vom Lager zum Lager und "trgiert" (handelt). Ähnlich mit Zigaretten. Wer sie für 30 Frank kauft und einzeln verkauft, hat sein Papiergeld gewechselt. Die silbernen Halbliren steckt jeder ein und die Not um Kleingeld wird immer größer.
Das Wetter hat gewechselt, es kamen starke Winde und jede Weile wird ein Zelt niedergerissen.

Mai den 6.

Wieder eine Neuigkeit - der Frieden soll bereits abgeschlossen sein und wir fahren nach Hause, deswegen die Vorbereitungen. Heute hat man wieder Hand- und Taschentücher gesammelt und denen gegeben, die auf den Weg vorbereitet sind. In vier Monaten, die wir hier sind, hat man uns 1 Paar Fußlappen gegeben und heute will man sie zurück!
Kollege Nosek versorgt uns mit Speck, Käse, Zucker und Kaffee aus dem Magazin. Ich koche Kaffee dreimal am Tag. Die Italiener ließen sich die Zahlungsliste von den Rasierern und Zugsführern unterschreiben und dann haben sie sie hinausgejagt, ohne ihnen das Geld zu geben.

Mai den 8.

Es hat sich hier eine große Menge der Geldbezugsscheine angesammelt, aber mit der Auszahlung geht es schrecklich langsam. Man muß bis zehn Tage warten, täglich zur Kanzlei gehen und wieder ohne Erfolg zurückkehren. Es werden wahre Stürme auf die Kasse unternommen, aber die Italiener haben dort eine schreckliche Unordnung.

Heute hat man uns endlich die serbischen Banknoten zurückgegeben mit der Mitteilung, das sie nicht mehr umgetauscht werden. Aber die italienischen Soldaten gehen durch die Lager und kaufen sie für 4 Lire pro Stück aus. Es werden auch Freiwillige für die serbische Armee angeworben, mehrere Serben haben sich gemeldet.

Mai den 10.

Heute wurde dem Kollegen Roubik das angekommene Geld vom 23.3. ausgezahlt - 19,07 L für 25 K. Eine Nachricht hat sich verbreitet, dass unsere Offiziere von der Insel Elba nach Österreich abgefahren sind, allgemein glaubt man, dass der Frieden da ist. Jeder ist erregt, man spricht nur von der Heimkehr. Ich freue mich auch, aber fürchte, ob es nicht wieder eine Enttäuschung geben wird. Der Leutnant visitiert, ob jeder die vorgeschriebenen Sachen hat. Den ganzen Tag wird von der Heimreise diskutiert, aber niemand weiß, woher diese Nachrichten kommen, aber niemand sorgt sich darum.
Ich bekomme jetzt regelmäßig Post von meinen Eltern und aus Aussig.

Mai den 12.

Um 10 Uhr erschien vom Osten ein Luftschiff, das in Richtung Sasari flog. Mit großem Interesse verfolgt das ganze Lager den Zeppelin. Als er sich schon zu Sasari näherte, schwankte er auf einmal, geriet in Flammen und fiel ins Meer. Von Real fuhren einige kleine Schiffe aus, die Schiffbrüchigen zu retten, aber vergeblich. Wir waren überzeugt, dass es ein deutscher Zeppelin war, aber man hat uns gesagt, dass es ein französisches Luftschiff war.
Wir hatten hier zu Besuch 2 französische höhere Offiziere.

Mai den 14.

Die Friedenseuphorie ist abgekühlt. Dagegen tritt große Hitze ein, wir baden täglich im Meer, aber die Hitze ist unerträglich. Die Italiener haben schon den fünften Tag kein Wasser hergebracht. Die Kosten sollen ziemlich hoch sein, angeblich 15 Cts. pro Liter. Täglich werden 280 Hektoliter verbraucht. Jeden Tag kommt ein Segelschiff von Sardinien an und bringt Käse, Wein, Zitronen, Kirschen und weiteres mehr, was dann in der Kantine entsprechend teuer verkauft wird. Trotzdem ist sie immer von den Gefangenen umlagert, hauptsächlich werden Kartoffel und Zwiebel gekauft.

Mai den 16.

Worauf wir täglich Anspruch haben: 4 Liter Wasser, 700 gr Brot, 137 gr Makaronen oder Reis, 200 gr Fleisch oder Käse, 50 gr Speck, 10 gr Pomadore, 12 gr Salz.
Wir haben einen großen Besuch bekommen - gegen Mittag kam der Erzbischof von Sardinien mit weiteren 5 kirchlichen Würdenträgern und einem schweizerischen Bischof zur Segnung des Kirchleins in Real. Die Wachen im Tor (Gefangene) werden auf italienisch "Attenti" komandiert! Der schweizerische Bischof hat sich gewundert, warum wir auf italienisch kommandiert werden, wenn wir österreichische Soldaten sind. Die Herren Pater haben die Italiener ordentlich visitiert. Sie sind durch alle Krankenhäuser gegangen und haben über alles ausgefragt, haben den Friedhof gesegnet, uns den päpstlichen Gruß ausgerichtet. Jeder von uns hat eine Schachtel mit 10 Zigaretten und ein Kreuz oder einen Rosenkranz zur Erinnerung bekommen. Das bedeutet, dass sie für die Zigaretten über 6000 Lire ausgegeben haben und für die Rosenkränze mindestens ebenso viel. Der Besuch hat auch einen weiteren Vorteil gebracht. Die Italiener haben Angst bekommen und die Verhältnisse haben sich gebessert. Die Geldbezugsscheine werden ordentlicher ausgezahlt.

Mai den 18.

Jeder genießt die päpstlichen Zigaretten. Es ist das erstemal, dass uns jemand etwas geschickt hat. Die römische Judengemeinde hat den Juden Matzen geschickt.

Wieder neue Erregung im Volk und neue Nachrichten - die Gefangenen aus Russland fahren nach Hause, ergo der Frieden ist gewiss! Unsere Überführung nach Frankreich ändert sich, nach Italien.

Mai den 21.

Wieder einmal gibt es ein Debakel, gegen Abend kam der Herr General und weil einige Leute die Blusen ausgezogen haben (den ganzen Tag herrschte große Hitze), ließ der Leutnant Kakaèi den Lagerchef und 5 Zugführer arrestieren. Arrest ist das Zelt am Ende des Lagers. Die Häftlinge ließen sich Wein bringen und zechten. Für die Nacht ging jeder in das eigene Zelt schlafen und morgens musste der Korporal vom Tagesdienst jeden höflich bitten, zurück in den Arrest zu kommen, bevor der Leutnant kommt.
Roubik und Feldwebel Zwick waren nicht zu Hause, aber als sie von Allem erfahren haben, sind sie wie die Übrigen ins Gefängnis gegangen. Die Überraschung und Wut des Leutnants, als er festgestellt hat, dass er anstelle von 6 Häftlingen deren 8 hat, war zwar sehr groß, aber weitere Bestrafung hat er unterlassen.

Mai den 23.

Heute fährt der erste Transport ab - die ausgewählten Landarbeiter aus Real, Stretti und Tamborina, zusammen an 5000 Mann. Angeblich nach Frankreich, aber die allgemeine Meinung ist, dass sie nach Hause fahren ! Den ganzen Tag wird nur vom Frieden gesprochen, der schon eine fertige Sache sein soll. Verschiedenste Nachrichten gehen von Mund zu Mund, aber jeder glaubt fest, dass es schon Frieden gibt. Am meisten mein Nachbar der Zugsführer Ferdinandi. Ich laufe fort, um es nicht hören zu müssen und glaube es nicht.

Mai den 24.

Ich habe von meinen Eltern eine kleine Kiste volkommen in Ordnung bekommen, in der Zwieback, Weinbrand, Tee, Salami und Schokolade war. Alles schmeckt herrlich, es ist doch von zu Hause. Auch eine Garnitur Wäsche, Socken und Taschentuch war dabei. Meine Freude ist groß, ach könnte ich bald zurückkehren und euch, liebe Eltern, alles vergelten! Täglich kommen Hunderte von Paketen und viele Geldbezugsscheine an. Die Italiener wundern sich, was alles die "Austriako" bekommen.

Heute haben wir in der Küche die doppelte Menge der Nahrungsmittel bekommen, es hat sich den Italienern im Lager angesammelt. Die Auszahlung der Geldbezugssscheine geht jetzt viel schneller ebenso wie unserer Löhnung.

Mai den 26.

Immer neue Transporte verlassen unser Lager und auch Real. Diesmal aber behauptet niemand, dass man nach Hause geht, sondern nach Algerien, auf einem Zettel soll das angeblich der Grünhut aus Prag vermerkt haben. Ein Schiff, sagt man, ist untergegangen. Mit jedem Transport fährt auch ein Schlachtschiff. Täglich gibt es große Hitze.

Mai den 28.

Ferdinandi hat über 200 Lire bekommen, ich bereite ein Festessen - Backkartoffel, gebratenen Fisch und dazu trinken wir Wein. Es kam der Befehl: im Real zu baden und die Wäsche und Montur mit Dampf von Flöhen säubern. Wir ziehen auf den alten Platz um. In der Nacht kam ein starker Sturmwind, der das Dach des Lagers niedergerissen hat.

Mai den 30.

Ich bekomme jetzt oft Post, von den Eltern als auch aus Aussig. Wieder verbreitet sich die Ruhr als Folge der Hitze, fast jeder hat Durchfall. Man ordnet die Lager je zu 500 Mann und macht neue Untersuchungen mit den Gläsern wie früher, und wieder unter Aufsicht, damit nicht geschwindelt werden kann. Wir fahren bald weg - angeblich nach England. Höchste Zeit, sonst werden wir hier auf der Eselinsel gebraten.

Mai den 31.

Aus Langeweile, weil die Sonne schrecklich brennt, habe ich folgendes "Gedicht" zustandegebracht und auf einer Postkarte dem Fräulein Anni nach Aussig geschickt. Es kam in Ordnung an und wie mir später Frl. Anni sagte, hat sie beim Lesen geweint. Sieh mal, ich wollte sie doch erheitern.

Die Übersetzung des Gedichts lautet:
Liebstes Fräulein Anni - wie Ihnen, so auch dem Fräulein Fanni
sende ich übers Meer tausend innigste Grüße.
Es freut mich sehr, dass Sie an die schönen alten Zeiten denken, die leider nie mehr zurückkehren werden!
Sie schreiben, dass sie gerne möchten in die Ferne,
hören sie auf mich und verbleiben sie zu Hause !
Überall gut, zu Hause am besten, das besagt doch ein altes Sprichwort,
überall schlecht, zu Hause aber am besten lautet ein neues - aber wahres!
Ich durchreiste Serbien, ging durch ganz Albanien,
auf der Eselinsel landete in Italien.
Wer weiß wohin wir noch kommen, was aus uns noch werden soll,
eines behaupte ich, glauben sie mir, nach Hause möchte ich am liebsten!

Juni den 3.

Die Hitze hier ist unerträglich, keine Bäume, wir baden jeden Tag im Meer. Verschwenden hier unsere schönsten Jahre, was könnte ich zu Hause erleben, wenn es diesen verdammten Krieg nicht gäbe!
Zur Zeit geht es uns zwar gut, wir kochen Kartoffel, bereiten Kartoffelsalat, kaufen Obst und weitere Sachen, die von Sardinien hergebracht werden. Wein wird hier viel getrunken, ein Liter kostet nur 1 L und spielen Karten.
Es wurde eine gemeinsame Küche für das ganze Lager errichtet, um besser bestehlen zu können. Die Zugführer haben "Extra Makkaroni", die Mannschaft aber eine zerkochte Schlichte.
Reis will niemand, früher wurde eine Tasse für 50 Cts. gehandelt, jetzt müsste man noch 10 Cts. zuzahlen, um es zu verkaufen.

Juni den 6.

Starke Sandstürme überschütten uns täglich. Jeder in meinem Zug hat schon Geld bekommen, nur ich habe zwei Sendungen unterwegs und keinen Heller in der Tasche. Mein Zug ist schon zur Abfahrt nach Frankreich vorbereitet, Roubik, Ferdinandi und ich sollen angeblich nicht mitfahren.

Juni den 10.

Wieder Drill - jeden Tag "Auf und nieder", Untersuchungen bei den Ärzten. Drucksachen und Bücher werden beschlagnahmt, den Priestern ein Koffer voll. Die Italiener haben entdeckt, dass eine spanische Barke öfters hergefahren ist und Zeitungen brachte. Die Folge ist, dass die Barken von Sardinien nicht mehr kommen dürfen. Man hat auch Angst vor den deutschen
U-Boote. Nach 8 Uhr abends müssen wir alle in den Zelten sein, kein Feuer und kein Rauchen. Die Gendarmen patroullieren im Lager und treiben die Leute mit Stöcken auseinander.

Das ist ein untrüglicher Beweis dafür, dass es den Italienern schlecht geht. So war es in Serbien auch, wenn die Serben verloren haben, spürten wir das auf unseren Rücken.
Ich handle mit Speck, den uns Nosek aus dem Lager bringt. Schön sind hier die Sonnenuntergänge - etwas so wunderbares und hinreißendes habe ich im Leben nicht gesehen, auch die Mondnächte sind bezaubernd.

Juni den 12.

Die Italiener toben wie besessen - sie glauben zu wissen, dass unsere Leute nachts sich durch Signale mit den U-Booten verständigen. In "Indiana" haben sie eine Durchsuchung in den Zelten gemacht und 10 Chargen haben sie wegen "Spionage" arrestiert. Alles haben sie ihnen beschlagnahmt, die Krägen und Mantelärmel aufgetrennt, ob darin nicht etwas versteckt ist.

Juni den 18.

Täglich große "Mischung", um 8 Uhr abends abzählen, Rauchverbot in der Nacht, wer im Lager außerhalb der Grenzen angetroffen wird, wird sofort erschossen. Wir sind auch schon zum Transport ausgeschrieben und mit allem Nötigen versehen.

Juni den 20.

Die Hitze ist unerträglich. Der Sold wurde uns bis zum heutigen Tag ausgezahlt.
Heute ist Fronleichnam. In der Heimat ist gewiß alles in voller Blüte, hier nur dürre Wüste, alles von der Sonne verbrannt. Ein Tag folgt nach dem anderen, wir wissen nicht, wann Sonntag ist.
Wir denken an die Heimat, sehnen uns, aber immer vergeblich. Kommt überhaupt der Tag, an dem wir diese Sklaverei verlassen werden, an dem wir wieder frei werden und die Welt in unserer Heimat genießen werden. Ich zweifle schon beinahe, dass es jemals kommen wird!

Juni den 23.

Es werden Verzeichnisse vorgelesen, wer abfahren wird. Ich wurde vom Roubik und Ferdinandi getrennt. Es folgen Visiten über Wäsche und Geschlechtskrankheiten. Heute sollten wir abfahren, aber das Schiff ist nicht gekommen. Auch die Post funktioniert miserabel.

Juni den 28.

Endlich ist das Geld von den Eltern gekommen. Für die abgesandten 36 Kronen habe ich 25,90 Lire bekommen. Am nächsten Tag kam das Geld von Kohn und Kornfeld aus Aussig, für K 40 sind es L 32. Ferdinandi bekam zwei Pakete mit Konserven, Zigaretten, Schokolade. Die Lager "Armenia" und "Regina Elena" sind weggefahren. "Dante" bekam einen neuen Leutnant, der auf Ordnung ausgesetzt ist und unter seinen Serben und Kroaten für Disziplin sorgt.

Juli den 2.

Täglich kommen viele Pakete an, aber die Hälfte ist ausgeraubt, die Italiener rauchen öffentlich österreichische Zigarren. Heute ist das große Schiff "Sinai" angekommen, das schon früher avisiert wurde, aber die Abfahrt ist verschoben - erst morgen fahren wir ab, der Befehl kam, dass alles an Bord gebracht werden muß. Auf die Kranken, deren es hier viele gibt, wartet ein großes Schiff vom Roten Kreuz. Die Decken wurden uns abgenommen und wir bekamen Rucksäcke.

Juli den 7.

Heute sind es genau 6 Monate, dass wir hier auf Asinara gelandet sind und gerade heute gehen wir wieder an Bord nach Frankreich. Das große Schiff trägt den Namen "Seine".
Wir grüßen dich, du "Eselinsel", sechs Monate warst du unser Gastgeber, aber viel Schlimmes hast du uns verursacht. Deshalb haben wir dich auch beschimpft und haben sehnsüchtig den Tag erwartet, an dem wir dich verlassen werden in der Hoffnung, dass wir da schon freie Menschen sein werden. Aber statt dessen gehen wir in eine neue Gefangenschaft. Wie wird es uns dort gehen? Der Anker geht hoch und das Schiff bewegt sich langsam vorwärts. Ich schaue noch zurück und verabschiede mich mit einem Grüß-Gott von den Kameraden unter dem grünen Rasen hinter der weißen Mauer. Hier habt ihr Armen euren Frieden gefunden, auf den sich jeder von uns so gefreut hat. Schlaft ruhig, euch wird die Meeresbrandung von eurer fernen Heimat erzählen und wir tragen dorthin eure Grüße.
Langsam verlassen wir die Bucht, die Insel wird immer kleiner und nach einer Stunde verschwinden die letzten Konturen.

Folgende:

Französische
Gefangenschaft







1914
1915
1916
~1917...


Introduction
In the Austrian
army
Serbian
captivity
Italian
captivity
French
captivity
original

Úvod
V rakouské
armádì
Srbské
zajetí
Italské
zajetí
Francouzské
zajetí


Einleitung
In österreichischer
Gefangenschaft
paralell


1914

1915

1916

~1917...